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Grönauer Altar

Objektbezeichnung:Doppelflügelaltar
Sachgruppe:7. Altarschreine
Künstler:Flämische Werkstatt
Ort:Niederlande
Datierung:um 1420-1430, Kruzifix um 1470
Maße:H: 85 cm (aufgesetztes Altärchen), B: 154 cm (aufgesetztes Altärchen), T: 17 cm (aufgesetztes Altärchen), H: 149 cm (Kastenflügel), B: 149 cm (Kastenflügel), T: 20 cm (Kastenflügel), H: 149 cm (Mittelschrein), B: 300 cm (Mittelschrein), T: 18 cm (Mittelschrein), H: 42 cm (oberster Aufstatz), B: 52 cm (oberster Aufstatz)
Material:Eiche
Technik:geschnitzt
gefasst (weitgehend golden)
Öl (auf Goldgrund, Nimben vergoldet)
In der Sammlung des St. Annen-Museums ist der sogenannte Grönauer Altar der einzige mittelalterliche Hochaltar, der heute noch in Lübeck erhalten ist, während alle anderen Altäre Bruderschaften oder privaten Stiftern der Hansestadt gehörten.

In Flandern wurde Anfang des 15. Jahrhunderts durch Mechanisierung der Sägearbeit die Möglichkeit entwickelt, Altarteile "serienmäßig" herzustellen und im Baukastensystem zu großen Schreinen zusammenzusetzen, die zu begehrten Exportartikeln wurden. Einen solchen "modernen" Schrein wählten die Vorsteher der Aegidienkirche als ihren Hochaltar. In Lübeck erweiterte man, entsprechend der norddeutschen Tradition, die einflüglige Ausführung um ein weiteres Flügelpaar. Bis zur Barockzeit blieb das Retabel der Hauptaltar der Kirche. 1701 wurde es durch einen damals zeitgemäßen Hochaltar ersetzt und in einer Seitenkapelle abgestellt. Acht Jahre später übergab man den mittelalterlichen Schrein der Kapelle des Siechenhauses von Klein-Grönau.
Bereits in der Aegidienkirche hatte man die gemalten Außenflügel entfernt, schwarz überstrichen und seitlich beschnitten, um sie hier als Anschreibetafeln für die Kommunikanten verwenden zu können.
1911 überwiesen die Vorsteher der Grönauer Kapelle den Altar an das Museum; im selben Jahr wurden auch die Außenflügel aus der Aegidienkirche der Sammlung übergeben, so daß die Teile des Altars zwar nicht zusammengefügt, aber in einem Raum nebeneinander aufgestellt werden konnten.

Der Altar zeigt ein Bildprogramm, das in dieser Zeit in Norddeutschland ungewöhnlich war: In das Zentrum des Schreins ist die Kreuzigung gestellt und über das Niveau der Darstellungen zur Rechten und zur Linken hinausgehoben.(1) Der Tod am Kreuz ist Höhepunkt der Passion Christi, deren Stationen von links nach rechts in chronologischer Folge ablaufen: Gebet am Ölberg, Gefangennahme, Christus vor Pilatus, Dornenkrönung, Geißelung, Kreuztragung, Kreuzigung, Kreuzabnahme, Grablegung, Auferstehung, Christus in der Vorhölle (Totenreich), Himmelfahrt, Ausgießung des Heiligen Geistes (Pfingsten).
Häufig war auf norddeutschen Hochaltären Anfang des 15. Jahrhunderts im Mittelpunkt die Marienkrönung zu sehen, eingefügt in eine Reihung von Apostelfiguren. Nach der Ankunft des Altares in Lübeck wurde nicht nur die Form, sondern auch das Bildprogramm dem hiesigen Brauch angepaßt. Um auf die Marienkrönung nicht verzichten zu müssen, malte man sie auf eine Seite der in Lübeck hinzugefügten Außenflügel. Sie ist heute auf der Wand rechts neben dem Altar als Einzeltafel aufgehängt; die Darstellung der anderen Seite ist verloren.
Die Malerei der zweiten Ansicht zeigt acht Heilige: Olaf, Dorothea, Aegidius, Margareta, Martin und Antonius; die beiden letzten Figuren sind nicht mehr erhalten. Das Bild mit Olaf und Dorothea wird auf der Wand rechts neben der Marienkrönung - ebenfalls losgelöst vom Altar - präsentiert. Die Darstellung des Olaf ist in Lübeck häufig zu finden; seine Verehrung hat sich aus den Handelsbeziehungen der Kaufleute zu Norwegen ergeben.

Ein kleiner Flügelaltar ist unvermittelt oben auf den Schrein gesetzt. Inhaltlich allerdings besteht ein direkter Bezug zu dem Hauptaltar: Die Schnitzarbeit zeigt die Geburt, die Anbetung der Könige und den Lobpreis der Engel; auf die Außenseiten wurde die Verkündigungsszene gemalt. So werden die Passion Christi, sein Erlösungstod und seine Auferstehung mit dem Beginn seines Erdenlebens verbunden, eine Zusammenschau von Weihnachten und Ostern, die besonders Bernhard von Clairvaux (1091 - 1153) in seinen Predigten gerne benutzte.
Auf diesen kleinen Flügelaltar ist wiederum ein - heute leeres - Kästchen gesetzt. Dadurch wird der horizontalen Gliederung des Altars eine vertikale entgegengesetzt. So entsteht eine Stufung, dem ikonographischen Programm entsprechend. Mit hoher Wahrscheinlickeit ist anzunehmen, daß sich in dem Aufsatz eine Darstellung von Gottvater oder der Dreieinigkeit befand.

Im Gegensatz zu den Lübecker Altären zeigt der Grönauer Altar, wie andere Werke flämischer Herkunft, eine besondere Betonung des Maßwerks, das deutlich Spuren serieller Fertigung zeigt. Die einzelnen Personengruppen unterscheiden sich kaum in Größe und Komposition, so daß sie austauschbar sein können. Vermutlich sind deshalb schon bei der Einrichtung des Altars zwei Szenen, die Auferstehung und Christus in der Vorhölle, miteinander verwechselt worden.

1 Der Kruzifixus ist eine Ergänzung des 20. Jahrhunderts

Heise/Vogeler 1993, Kat. Nr. 1

Literatur:
  • Hasse, Max: Lübecker Museumsführer, I Die sakralen Werke des Mittelalters, Sankt Annen-Museum, Lübeck, 1970 (1964)
  • Denkmalrat: Kirche zu Alt-Lübeck. Dom. Jakobikirche. Ägidienkirche (Die Bau und Kunstdenkmäler der Freien und Hansestadt Lübeck, III), Lübeck, 1920
  • Paatz, Walter: Eine nordwestdeutsche Gruppe von frühen flandrischen Schnitzaltären, in: Westfalen, XXI, 1936, S. 49-68
  • Euw, A. von: Der Kalvarienberg im Schnütgen-Museum, in: Wallraf-Richartz-Jahrbuch, XXVII, 1965, S. 87-128
  • Wittstock, Jürgen: Kirchliche Kunst des Mittelalters und der Reformationszeit. Die Sammlung im St. Annen-Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Hansestadt Lübeck, I (Lübecker Museumskataloge), Lübeck, 1981
  • Albrecht, Uwe: Corpus der mittelalterlichen Holzskulptur in Schleswig-Holstein, 1 Hansestadt Lübeck, St. Annen-Museum, Kiel: Verlag Ludwig, 2005
  • Heise, Brigitte / Hildegard Vogeler: Die Altäre des St. Annen-Museums, Lübeck, 1993
  • Schaefer, Karl: Führer durch das Museum für Kunst- und Kulturgeschichte zu Lübeck, Lübeck, 1915
  • Münzenberger, E.F.A. / S. J. St. Beissel: Zur Kenntniß und Würdigung der Mittelalterlichen Altäre Deutschlands, 1, Frankfurt a.M., 1885-1890
  • Münzenberger, E.F.A. / S. J. St. Beissel: Zur Kenntniß und Würdigung der Mittelalterlichen Altäre Deutschlands, 2, Frankfurt a.M., 1895-1905
  • Schaefer, Karl: Frühwerke der Plastik und Malerei des 15. Jahrhunderts, in: Jahrbuch des Museums für Kunst und Kulturgeschichte zu Lübeck, 1, 1913, S. 7-24
  • Wrangel, E.: Det medeltida bildskåpet från Lunds domkyrkas högaltare (Lunds Universitets Årsskrift, N.F., Afd.1, 11, Nr.3), Lund, 1915
  • Dexel-Brauckmann, Grete: Lübecker Tafelmalerei in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, in: Zeitschrift des Vereins für lübeckische Geschichte und Altertumskunde, 19, Heft 1, 1917, S. 1-37
  • Struck, Rudolf: Materialien zur lübeckischen Kunstgeschichte, II., in: Mitteilungen des Vereins für lübeckische Geschichte und Altertumskunde, Heft 15, Nr.4, 1930, S. 55-85
  • Heise, Carl Georg: Lübeckische Plastik und Malerei, in: Lübecker Heimatbuch, Lübeck, 1926, S. 206-250
  • Stange, Alfred: Deutsche Malerei der Gotik, III Die Zeit von 1400 bis 1450, Berlin, 1938
  • Hasse, Max: Der Flügelaltar (Diss.), Dresden, 1941
  • Jensen, Jens Christian: Meister Bertram als Bildschnitzer (Diss.), Heidelberg, 1956
  • Meyne, Willi: Lüneburger Plastik des XV. Jahrhunderts, Lüneburg, 1959
  • Pieper, Paul: Das Westfälische in Malerei und Plastik (Der Raum Westfalen, IV), Münster, 1964
  • Müller, Theodor: Sculpture in the Netherlands, Germany, France and Spain 1400 to 1500, Harmondsworth, 1966
  • Stange, Alfred: Kritisches Verzeichnis der deutschen Tafelbilder vor Dürer, I, München, 1967
  • Wildenhof, Hilka: Der Wandel des Schnitzaltares vom letzten Drittel des 14. Jahrhunderts bis zum Ende des Weichen Stils ( Diss.), Frankfurt a.M., 1974
  • Legner, Anton: Die Parler und der schöne Stil 1350-1400, Köln, 1978
  • Tångeberg, Peter: Mittelalterliche Holzskulpturen und Altarschreine in Schweden, Stockholm, 1986
  • Albrecht, Anna Elisabeth: Steinskulptur in Lübeck um 1400 (Diss.), Berlin, 1997
  • Warncke, Johannes: Holländische und flämische Kunst in Lübeck, in: Lübeckische Blätter, Jg. 69, Nr. 9, 1927, S. 158-161
  • Nieuwdorp, Hans: Inleiding, in: La Madone dans L'Art - De Madonna in de Kunst, Antwerpen, 1993, S. 14-24
  • Hach, Theodor: Ein mittelalterliches Kunstwerk, in: Lübeckische Blätter, Jg. 25, Nr. 81, 1883, S. 473-474
  • Paatz, Walter: Prolegomena zu einer Geschichte der deutschen spätgotischen Skulptur im 15. Jahrhundert, in: Abhandlungen der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, 2, Heidelberg, 1956
  • Pieper, Paul: Das Westfälische in Malerei und Plastik (Der Raum Westfalen, IV), Münster, 1964
  • Hasse, Max: Lübecks Kunst im Mittelalter, in: Kirchliche Kunst des Mittelalters, Lübeck, 1981, S. 20-39

Inventarnummer: 1912-28

Abbildungsrechte: St. Annen-Museum


Ikonographie:     
nächtliche Gebet Christi im Garten von Gethsemane
     
Gefangennahme Christi
     
Christus vor Pontius Pilatus
     
Dornenkrönung Christi
     
Geißelung Christi
     
Kreuztragung
     
Kreuzigung
     
Kreuzabnahme
     
Grablegung Christi
     
Auferstehung Christi
     
Christus in der Vorhölle
     
Christi Himmelfahrt
     
Pfingsten: Ausgießung des Heiligen Geistes
     
Geburt Christi
     
Anbetung durch die Heiligen Drei Könige
     
Verkündigung der Geburt Christi
     
Olaf
     
Dorothea
     
Aegidius
     
Margareta
     
Martin
     
Antonius
     
Marienkrönung
     
Jüngstes Gericht