Das Kernstück des ehemaligen Trammer Altars ist die Darstellung des Jüngsten Gerichts. Durch das fehlen der farbigen Fassung ist das erhaltene Fragment des Originals zwar kein attraktives Zeugnis mittelalterlicher Altarkunst, unter ikonographischen Aspekten ist es jedoch aufschlussreich. Es enthält die wesentlichen Elemente der "Intercessio", der Fürsprache der Gottesmutter für die Menschheit.
Die Reliefe der Sockelzone zeigen in der Mitte die Auferstehung der Toten aus den geöffneten Gräbern, links die Bekleidung der Seligen bei der Aufnahme in den Himmel und rechts das Verschlingen der Verdammten durch den Höllenrachen. Unmittelbar darüber schließt sich eine wolkig strukturierte Zone an, in der die beiden Fürbitter knien: links die Gottesmutter, die Linke bittend erhoben, die Rechte weist auf die entblößte Brust. Der Bärtige auf der gegenüberliegenden Seite ist traditionsgemäß Johannes der Täufer, auch wenn der Typus nicht mehr an jenen abgehärmten Asketen erinnert, den die byzantinische Kunst in diese Komposition eingeführt hat.
Als Adressat für das Gebet thront herausgehoben in der Mitte der Weltenherrscher auf dem Regenbogen. Seine Füße ruhen auf dem Erdball, der geöffnete Triumphmantel, der den Sieg über den Opfertod bedeutet, gibt die Seitenwunde des Auferstandenen frei.
Vogeler 1993, Kat. Nr. 68